Montag, 22. April 2013

Olympic Peninsula: Treibgut am Strand

Wir stehen im Morgengrauen auf. Wir fahren mit dem Auto Richtung Süden dann hinüber auf die Olympic Peninsula – eine Landschaft voller Berge und Wälder. Die Fahrt geht über die zweispurige Schnellstraße, bald werden die Siedlungen seltener, wenig später drängen von links und rechts dunkle Nadelbäume heran. Fast 200 Kilometer Fahrt, unterbrochen nur von Trailer Parks und den Spielcasinos der Native Americans.

Wir sind an der Küste. Ein langer, dunkelgrauer Kieselstrand, übersäht von entwurzelten Bäumen aller Größen, abgenagt und gebleicht von der Wanderung durch Flüsse und das Meereswasser, von der Brandung am Ufer aufeinander geschoben. Nicht weit ins Meer hinein ragen schwarze Felseninseln auf. 

Ich bin gespannt wie viel japanischen Müll wir finden werden. Radioaktiv ist der nicht, denn die Kernkraftwerke von Fukushima sind ja erst nach der Flutwelle explodiert, wie die National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) auf einer besonderen Webseite erläutert.
 
Die anderen sind schon da oder folgen nach und nach. Knapp zwanzig Freiwillige sind hergekommen, die meisten aus Seattle und den angrenzenden Großstädten. Sie sind zwischen 35 und 75Jahre alt, sie tragen robuste Outdoor-Kleidung, Synthetik, keine Baumwolle, wegen des feuchten Klimas. Die Wanderschuhe sind gut genutzt. Man hilft sich gegenseitig beim Auspacken der Ausrüstung, viele kennen sich von früheren Naturschutzaktionen oder Wanderungen. Einige haben ein Zelt mitgebracht, um über Nacht an der Küste zu bleiben.

4,8 Mio. Tonnen Gebäudematerial, Autos, Schiffe, Frachtcontainer, Küchengeräte und Kinderfußbälle sind im März 2011 ins Meer hinaus gerissen worden. Die Trümmer davon driften seit zwei Jahren im Pazifischen Ozean. In diesem Jahr wird einiges davon an die amerikanische Westküste gespült werden, ebenso in Hawaii, Alaska und Kanada. Besonders schwimmtaugliche Teile werden noch über Jahre in den Strömungen des Pazifiks herumtreiben. So genau weiß man das nicht.


Wir sammeln vor allem leere Plastikflaschen, Teile von Fischernetzen und Styropor-Brocken ein – die genaue Herkunft sieht man ihnen nicht an. Wir füllen an diesem Tag 21 saubere weiße und schwarze Mülltüten damit. Weiter oben am Strand finden wir einen Kanister Altöl und einen Kühlschrank. Ein Autoreifen mit Seil daran hat wahrscheinlich einmal die Seiten eines Kutters geschützt. Eine Lagerpalette aus braunen Platik tägt japanische Aufschriften, ein grüner Schreibmarker trägt japanische Schriftzeichen und ist mit kleinen Muscheln überwachsen.

 

15.800 Menschen sind bei dem Tsunami ums Leben gekommen, weitere 2.600 werden vermisst. Nach zwei Jahren werden sie wohl vom Meeresgetier gefressen oder zerfallen sein. Bestimmte Leichenteile aber haben eine erhöhte Chance zu überdauern. Vor allem abgetrennte Füße in Plastik-Turnschuhen werden an der Küste angeschwemmt werden, prognostiziert der Ozeangraf Curtis C. Ebbesmeyer, der die Bewegung von Treibgut in Meeresströmungen über viele Jahre studiert hat.

Die  NOAA sagt es sei sehr unwahrscheinlich das menschliche Überreste an die Küste gespült werden. Wenn doch, solle man sie nicht berühren oder entfernen, sondern die Notrufnummer 911 anrufen. 

Ich bin dankbar dass wir die heute nicht anrufen müssen.

Was Umweltbiologen derzeit noch mehr beunruhigt, sind invasive Arten von Algen, Krebsen und anderen maritimen Organismen welche mit den Trümmern in die Gewässer der Westküste eindringen. Vor wenigen Monaten wurde hier ein japanisches Hafen-Dock angespült, darauf 30 bis 50 lebende Pflanzen- und Tierarten welche laut Laborbefund in Japan heimisch sind, aber bislang nicht in Amerika. Das Objekt wurde mit Chlorbleiche eingesprüht und schließlich abtransportiert.

Am Abend sammeln wir den Müll in Haufen am Strand. Von dort tragen wir es zur Station am Ende des Oil City Wanderwegs. Die Park Ranger werden das kommende Woche abholen. 
 

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