Freitag, 19. April 2013

Seattle: Home of the Brave in der Bücherei

Die Stadtbücherei von Seattle hat viele Bücher, viele Besucher und einen Architekten. Einige Besucher kommen wegen des eindrucksvollen Gebäudes von Rem Koolhaas, andere kommen wegen der Bücher und noch andere kommen aus viel wichtigeren Gründen. Ich komme aus den Straßen oberhalb, was in der Innenstadt von Seattle normal ist, denn sie liegt an einem steilen Hang zum Hafen hin, was einem in den Häuserschluchten ein fast dreidimensionales Erlebnis verschafft. Man schaut von oben auf Gebäude, die nur wenige Blocks entfernt liegen.

Die Bibliothek belegt einen ganzen Häuserblock. Auch das Berufungsgericht oberhalb belegt einen ganzen Häuserblock, ebenso einige der benachbarten Buerohochhaeuser. Obwohl es einem Ufo gleicht, denke ich mir, fuellt das Gebäude die gleichen Volumen wie alle wichtigen Bauten, die in den vergangenen 100 Jahren in dem Stadtquartier errichtet wurden. Eine Tiefgarage ist elegant in die Struktur integriert und ich vermute dass die Stadtbücherei damit gute Einnahmen machen kann, um die ständigen Budgetkürzungen auszugleichen. Die Parkgebuehr liegt bei 7 Dolllar pro Stunde so wie überall hier in der Gegend. Als ich ein Foto von der Einfahrt mache erklingt ein Lautsprecher mit Tonbandansage: "Caution. Legal protection!"

Im Innern ist das vor allem eine Bibliothek. Computer, Bücher, Schülerinnen und Schüler, auch Menschen die sonst keinen Ort zum Hingehen haben. Der Holzboden im Empfang hat Buchstaben eingraviert, die Bücherregale in den oberen Etagen sind aus Kunststoff und Metall. Die Fußböden der oberen Etagen haben über die gesamte Geschossbreite ein starkes Gefälle. Aus den Fensterflächen heraus sieht man hinunter in die Straßenschluchten. Ich könnte nicht sagen ob die Einrichtungen besonders nutzerfeundlich oder over-designed sind. Dazu müsste man hier ein richtiges Forschungsprojekt umsetzen.

Um 14:00 Uhr ist heute Einbürgerungszeremonie für 88 neue US-Buerger. Das Auditorium ist voll besetzt mit Freunden und Familienangehörigen. Die meisten neuen Bürger haben sich schick gemacht. Im Publikum sprechen die neu angewanderten Familien Englisch miteinander, mit Akzent, aber Englisch. Es gibt schöne Ansprachen einer Dame von der Einwanderungsbehörde und des Bürgermeisters. Dann singt ein Bibliotheksangestellter mit schöner Stimme die Nationalhymne vor und alle singen mit. "Oh, say, can you see, by the dawn's early light ..." Die Urkunden werden ausgehändigt, kleine Mädchen, noch in somalischer Tracht, machen mit dem Smartphone Fotos wie ihre Onkel und Väter amerikanische Bürger werden. Als alle Bürger geworden sind applaudieren alle.

Nach der Zeremonie frage ich einen Bibliothekar an der Informationstheke was für eine Ansage das an der Tiefgarage war. Er sagt, wahrscheinlich fuhr gerade ein Auto heraus. "Caution. Vehicle exiting", habe das Tonband gesagt.

Diese Zeilen schreibe ich deshalb besser aus dem Faltblatt ab: "Oh, say, does that star-spangeled banner yet wave / O'er the land of the free and the home of the brave?" Das Land hat heute 88 neue Bürger bekommen, die herausfinden werden, welche Freiheit und welchen Mut ihr neues Leben verlangt.

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